Mir war wichtig, dass die Leitung der Gruppe nicht nur die neuen Berichtspflichten erfüllen will, sondern intrinsisch motiviert ist, das Thema Nachhaltigkeit voranzutreiben. Xaver Moll sagte mir: Wir sind ein Familienunternehmen, wir denken nicht kurzfristig, sondern in Generationen. Er beteuerte, man sei sich durchaus bewusst, in Punkto Nachhaltigkeit noch nicht so weit zu sein, wie man es gerne wäre. Das hat mich überzeugt. Viele Unternehmen wären gerne weiter. Was stimmen muss, ist das Commitment.
Christoph Bichlmeier, der seit 2024 das Nachhaltigkeitsmanagement der Moll Group leitet, sieht in den anstehenden Berichtspflichten große strategische Chancen. Ein Gespräch über Wettbewerbsvorteile durch Vertrauen, Identität und vermeintlich unbedeutende Ideen.
Wir haben gute Voraussetzungen, weil die meisten unserer Produkte seit jeher einen positiven Beitrag für Umwelt und Gesellschaft leisten.
Die zu erarbeiten, ist jetzt meine Aufgabe. Wichtig ist der Beschluss: Im Frühjahr 2024 gab es in Kloster Seeon einen Workshop mit der gesamten Führungsebene und einem klaren Ergebnis: Das Thema Nachhaltigkeit wird künftig hoch priorisiert – bei der Ausprägung unserer Identität als Moll Group ebenso wie in der Außendarstellung. Seither ist ein umfassender Strategiedialog auf den Weg gebracht worden, bei dem gemeinsame Leitplanken und Ambitionsniveaus für die Gruppe und alle Tochtergesellschaften definiert werden. Ich halte das für eine sehr gute, zukunftsorientierte Entscheidung. KundInnen, BewerberInnen und andere Stakeholder erwarten dieses Engagement. Auch Banken schauen aufgrund der neuen Regulatorik bei Kreditvergaben künftig noch genauer auf die ESG-Kriterien.
Erstmal zum Kernthema Ökologie: Da haben wir ausgesprochen gute Voraussetzungen, einfach weil die meisten unserer Produkte seit jeher einen positiven Beitrag für Umwelt und Gesellschaft leisten. Lange bevor das Wort Nachhaltigkeit in aller Munde war. Zum Beispiel: In der Schweiz steht ein Gebäude, das vor mehr als 100 Jahren mit KEIM gestrichen wurde, und seitdem hält diese Farbe! Eine solche Langlebigkeit eines mineralischen, naturbasierten Produktes – umweltschonender geht es kaum.

Wie bei fast allen Unternehmen gibt es auch bei der Moll Group noch viel zu tun bei der Dekarbonisierung der Herstellungsprozesse – also die CO2-Emissionen konsequent zu senken, um langfristig klimaneutral zu werden. Auch hierzu ein Beispiel: Leonhard Moll Betonwerke geht auf diesem Feld mit PV-Anlagen auf Werkshallen mit überzeugenden Schritten voran. Auch Keimfarben und TechnoPhysik loten diese Möglichkeiten aus.
Zugleich bleiben Bahnbetonschwellen ein herausforderndes Thema. Das Produkt selbst leistet einen wertvollen Beitrag für Umwelt und Gesellschaft, nämlich indem es den nachhaltigen Schienenverkehr ermöglicht. Aber der Baustoff Beton ist eben sehr CO2-intensiv. Doch auch hier tut sich etwas: In Kroatien hat Leonhard Moll Betonwerke auf neue Zementmischungen umgestellt, die bei gleicher Stabilität weniger Kohlendioxid ausstoßen. Andere Schienennetzbetreiber sollten hier nachziehen und ebenfalls Schwellen aus CEM II zulassen.

Hier schauen wir anhand eines Testobjekts, wie sich eine verstärkte Nutzung der Erneuerbaren rechnet. Bezüglich Solaranlagen war das Ergebnis der Potenzialanalysen leider etwas ernüchternd, deshalb schauen wir jetzt nach Alternativen. Darüber hinaus wird gerade für unser gesamtes Portfolio eine CO2-Bilanzierung gemacht, um die Gebäude mit den höchsten Emissionen zu identifizieren. Auch die energetische Sanierung ist ein Riesenthema, und perspektivisch wird „Urban Mining“ an Bedeutung gewinnen – also die Wiederverwertung von Baustoffen aus Bauschutt bei Sanierungen. Man wird künftig schon Neubauten so planen, dass sie sich später für die Kreislaufwirtschaft eignen.
Schon lange vor dem Konzept ESG gehörten ein gutes Arbeitsklima und zufriedene MitarbeiterInnen bei unseren Unternehmen zur gelebten Kultur.
Bei den quantitativen Datenpunkten, die wir erfassen müssen, spielen Anwendung und Zweck tatsächlich eine untergeordnete Rolle. Nichtsdestotrotz: Im Rahmen der „Corporate Social Responsibility Directive“ – also dem neuen Hauptwerkzeug, mit dem die EU Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen Unternehmen herstellen will – wird auch der positive Impact von Produkten betrachtet. Das nennt sich „Wesentlichkeitsanalysen“ und da sind wir ausdrücklich dazu angehalten, auch positive Beiträge für Umwelt und Gesellschaft offenzulegen.
Dafür haben wir Ambitionsniveaus definiert, etwa auch beim Thema Arbeitssicherheit, wo es ein klar definiertes Ziel gibt: Unfallquote null. Oder der Immobilienbereich – dort ist im Frühjahr 2025 die erste Umfrage zur Zufriedenheit der MieterInnen gestartet, erstmal der gewerblichen.
Und was das G wie Governance betrifft: Auch dort schaffen wir klare Leitlinien. Für gesetzeskonforme und ethische Unternehmensführung gibt es bei Moll schon wegen der eigenen Geschichte ein geschärftes Bewusstsein.
An Transparenz und Vergleichbarkeit können wir als Moll Group nur interessiert sein, denn auf dem Feld der Nachhaltigkeit haben wir viel zu bieten.
Eine Menge. An Transparenz und Vergleichbarkeit können wir als Moll Group nur interessiert sein, denn wie gerade von mir skizziert haben wir auf dem Feld Nachhaltigkeit viel zu bieten. Das wird uns auch Wettbewerbsvorteile bringen.
Einen großen Teil meiner Zeit nimmt das Zusammentragen der Daten für die künftigen Nachhaltigkeitsberichte ein. Im Moment ist das noch viel Kleinarbeit, die mitunter mühsam ist. Aber mit meinem Kollegen Lukas Daumer, der für die AG alle Nachhaltigkeitsthemen managt, arbeite ich an einem Steuerungssystem, das diese Arbeit bald allen Beteiligten erleichtern wird.

Zunächst mal: Es ist ein Service der Gruppenebene, dass wir die Berichtspflicht konsolidiert für alle Tochtergesellschaften übernehmen. Na klar sind wir bei der Datenrecherche auf die Mithilfe der Unternehmenseinheiten angewiesen. Und ich habe Verständnis dafür, wenn sich das erst mal wie Mehraufwand anfühlt. Aber schon jetzt erkennen immer mehr KollegInnen, dass diese Daten nicht nur der Berichtspflicht dienen. Sie bieten uns auch einen strategischen Mehrwert in der Unternehmensführung.

Wir gewinnen wertvolle Einsichten in den Personalbestand: Wie gerecht ist die Vergütung zwischen den Geschlechtern, wie ist unsere Belegschaft altersmäßig strukturiert, wie viele Babyboomer gehen bald in Rente, wann und wo brauchen wir neues Personal? Solche Kennzahlen wurden in der Vergangenheit nicht überall systematisch erhoben und bieten wichtige Erkenntnisse. Ähnlich im Umweltbereich: Daten bezüglich Materialverbrauch sind nicht nur für den ökologischen Fußabdruck relevant, es geht auch um Kostenfaktoren. Wie können wir die reduzieren?
Das ist der Sinn und Zweck einer Unternehmensgruppe – dass man voneinander profitiert und gemeinsam schneller vorankommt.
In der Tat ist unser Nachhaltigkeitsmanagement das erste gruppenweite Projekt, bei dem einfach mal über 80 Leute aus allen Geschäftsbereichen in gemeinsamen Terminen zusammenkommen. Überhaupt ist Nachhaltigkeit ein Querschnittsthema, das Silos aufbricht. Bei diesem Thema kommt es entscheidend darauf an, alle mitzunehmen, egal von welcher Position. Einmal weil der Gedanke der Inklusion essenziell ist für ESG, aber vor allem auch um Raum für Beteiligung und Ideenentwicklung zu schaffen.
Eher einen regen Wissensaustausch. Wir brauchen eine positive gegenseitige Wahrnehmung dafür, dass in den anderen Geschäftsbereichen schon viel passiert und wo welche Maßnahmen gut funktionieren. Das ist der Sinn und Zweck einer Unternehmensgruppe – dass man voneinander profitiert und gemeinsam schneller vorankommt.
Wir sollten uns immer ein offenes Ohr angewöhnen, auch wenn Vorschläge und Projekte erstmal klein und unbedeutend erscheinen. Das kann beginnen mit dem Thema Mülltrennung im Betrieb oder mit der Bildung von Fahrgemeinschaften. In der Breite entsteht bei einem so großen Gebilde wie der Moll Group ein machtvoller Hebel für Veränderung. Fahrgemeinschaften sparen nicht nur CO2 auf dem Arbeitsweg, sie sind auch eine effektive gemeinschaftsbildende Maßnahme. Kollegen, die sich vorher kaum kannten, kommen ins Gespräch.

Wenn alle sich darauf eingestellt haben, entsteht Klarheit und glaubwürdige Kommunikation.
De facto gibt es heute immer noch viel falsche Behauptungen von Unternehmen und Marken über angeblich nachhaltige, grüne Produkte. Mit der EmpCo werden alle gefordert sein, ihre Aussagen zu belegen. Und ja, ich halte auch das für eine große Chance. Möglicherweise wird es am Anfang hemmend wirken, weil man seine PR- und Marketingaussagen genauer abwägen muss. Aber wenn sich alle drauf eingestellt haben, entsteht Klarheit und glaubwürdige Kommunikation.
Nein, auch hier sehe ich vor allem Chancen: Indem wir klar benennen, was noch nicht optimal läuft und erklären, wie wir das zu verbessern gedenken, nimmt auch die Glaubwürdigkeit unserer positiven Botschaften zu. So sichern wir uns das Vertrauen unserer Stakeholder. Wir leben nicht mehr in Zeiten von einseitigen Imagekampagnen – jedes Unternehmen muss sich im digitalen Zeitalter einem echten Dialog und auch unbequemen Nachfragen stellen.
Eine plötzliche Richtungsänderung käme hier nicht in Frage. Eben weil eine Familie dahintersteht, die in Generation denkt und intrinsisch motiviert ist, verantwortungsvoll zu handeln. Die ökologischen Herausforderungen sind real und die Voraussetzungen bei unseren Unternehmen gut. Es wäre eine vertane Chance, den eingeschlagenen Weg nicht konsequent weiterzugehen.

Zur Person
Christoph Bichlmeier leitet seit Herbst 2024 das Nachhaltigkeitsmanagement der Moll Group. Nach seinem Studium in Wirtschaftsgeographie und nachhaltiger Entwicklung war er mehrere Jahre als Berater tätig, um Unternehmen bei ihren Nachhaltigkeitsstrategien zu unterstützen und sie auf die Berichtspflicht vorzubereiten. Nachhaltigkeit ist für ihn essenziell, wenn es um verantwortungsvolles Handeln geht – im privaten Kontext genauso wie in Unternehmen.





